Taucher im Nord-Ostsee-Kanal

Ein Job ohne Aussicht

Wenn sie nicht wären, gäbe es den Nord-Ostsee-Kanal, die Schiffs-Autobahn durch Schleswig-Holstein, wohl schon nicht mehr: Die Taucher der Kanalverwaltung halten die Schleusen in Betrieb. Dabei kämpfen sie vor allem mit - dem Schlamm.

Erschienen am 19. Juli 2011

Als Kaiser Wilhelm I. die beiden Meere verband, dachte er nicht an den Schlick. Es war 1887, an einem schönen Frühsommertag, als der Kaiser in Kiel-Holtenau den Grundstein zu einem für damalige Verhältnisse monströsen Bauprojekt legte: Ein Kanal quer durch Schleswig-Holstein sollte entstehen. Nord- und Ostsee sollten verbunden werden, damit die großen, schweren Marineschiffe schneller vom einen ins andere Meer verlegt werden konnten. Acht Jahre lang gruben sich fortan bis zu 8900 Arbeiter durch das Land und schleppten 80 Millionen Kubikmeter Erdreich aus dem Graben, der von nun an die Provinz Schleswig-Holstein fast genau in der Mitte teilen sollte. Wegen der unterschiedlichen Wasserstände in den beiden Meeren bauten die Ingenieure große Schleusenkammern mit tonnenschweren Toren an beide Enden des Kanals: Je zwei in Kiel und in Brunsbüttel. 1895 eröffnete Kaiser Wilhelm II. “seinen” Kaiser-Wilhelm-Kanal feierlich und ließ die ersten Schiffe quer durchs Land fahren.

Dann kam der Schlick. “Der ist das größte Problem hier im Kanal”, sagt 116 Jahre später Kai Nimz. Die immer größeren Wassermengen, die durch die immer größeren Schiffe und die immer häufigeren Schleusungen in den Kanal geraten, bringen den braunen Schlamm aus der Nordsee mit. Und macht Berufstaucher Nimz das Arbeiten unter Wasser schwer. Nimz steht im Tauchanzug auf einer schwimmenden Arbeitsplattform in der großen Brunsbütteler Schleusenkammer und bereitet sich auf seinen Einsatz vor: Flossen und Handschuhe werden angelegt, die Neoprenhaube über den Kopf gezogen und die gelbe Vollgesichtsmaske festgezurrt. Ein dicker blauer und ein dünner roter Plastikschlauch winden sich vom Tauchgerät auf Nimz’ Rücken übers Deck hin zu Lufttank und Kommunikations-Anschluss auf dem Arbeitsschiff.

Über eine Stahlleiter steigt Nimz Sprosse um Sprosse in die grau-braune Suppe in der Schleusenkammer hinab: Das Wasser ist hier von aufgewirbeltem Sediment derart trüb, dass der Taucher darin sofort verschwindet. “Die Sicht ist gleich null”, sagt Nimz kurz vor seinem Abstieg noch. “Ich seh da nicht die Hand vor Augen.” Undenkbar für Sporttaucher: Der Tauchermeister hat keinerlei Instrumente dabei. Keinen Tiefenmesser, keinen Tauchcomputer. “Ich könnte sie eh nicht lesen.” Nicht einmal, wenn er die Hand direkt vor die Maske halten würde, könnte er sie erkennen. Gearbeitet werden kann unter Wasser ausschließlich mit dem Tastsinn. Ein Job ohne Aussicht.

Täglich spült die Nordsee 18.000 Kubikmeter Schlick in die Brunsbütteler Schleuse und bis zu sechs Kilometer weit dahinter in den Kanal. Das sind 18 Millionen Liter oder gut 90.000 Badewannen - voll mit braunem Matsch. Jeden Tag. Jährlich sind es durchschnittlich 7,1 Millionen Kubikmeter. Und in Jahren, in denen häufige Weststürme viel Wasser in die Schleusen drücken, können es auch 9 Millionen Kubikmeter oder neun Milliarden Liter Schlamm sein.

Es ist deshalb ein ständiger Kampf, den die Wasserbauer mittlerweile hier führen: Innerhalb kürzester Zeit würden Schleusen und Kanal verlanden, wenn nicht stetig Saugbagger den Schlick aufnehmen und zurück in die Elbmündung transportieren würden. Für die Instandhaltung des Kanals wendet die Wasser- und Schifffahrtsdirektion Nord jährlich etwa 60 Millionen Euro auf. Eine Million davon kosten die Taucharbeiten.

Tauchermeister Nimz muss heute zwei sogenannte Unterwagen bergen helfen: Zwei Wochen zuvor hat ein Schiff das seeseitige Schleusentor gerammt und verbogen. Das Tor liegt auf Schwimm-Pontons und wird bald zur Werft geschleppt. Jetzt müssen die beiden stählernen Rollwagen, auf denen das Tor normalerweise gleitet, an Land gehievt und zur Inspektion gebracht werden.

Nimz’ Aufgabe wäre an Land innerhalb von 20 Sekunden erledigt: Er muss das Seil des Krans an den Ösen des Stahlwagens befestigen. Unter Wasser ist diese Aufgabe jedoch Pensum für 20 Minuten Arbeit. Denn Nimz muss erst einmal den Wagen orten, dann die Ösen finden und schließlich die beiden Stahlschäkel einsetzen - alles in 15 Metern Tiefe und ohne irgendetwas zu sehen.

Heute geht alles innerhalb von einer Viertelstunde und damit recht schnell. Denn die Techniker haben Glück: Der Schlick hat den Rollwagen noch nicht ganz zugesetzt. “Manchmal haben wir eine vier Meter dicke Schlick-Schicht”, erzählt Tauch-Koordinator Holger Boje. Dann muss erst der Hochdruck-Wasserschlauch ins Schleusenbecken gelassen und der Schlick weggespült werden.

Die Einsätze in der Schleuse sind Routine für die sechs Taucher des Wasser- und Schifffahrtsamtes Brunsbüttel. Regelmäßig müssen sie beispielsweise die Schleusenwände auf Beschädigungen untersuchen - mit den Händen, versteht sich, nicht mit den Augen. Immer seltener werden jedoch die Einsätze entlang des Kanals: Die Hauptarbeit, hier regelmäßig die Holzdalben auszutauschen, wird stetig weniger, seit die Kanalverwaltung auf die robusteren Stahldalben setzt.

Ab und an müssen Tauchermeister Nimz und seine Kollegen einen Findling aus dem Wasser ziehen, der durch Strömung und Vertiefungsmaßnahmen plötzlich freiliegt. Hin und wieder müssen sie ein Auto aus dem Wasser heben. Und manchmal sitzt dann der Fahrer auch noch darin. “Das sind die schlimmen Einsätze”, sagt einer von ihnen. “Die sind Gott sei Dank sehr selten.”

Mit zwölf bis 15 Stundenkilometern fahren die Dickschiffe durch den Kanal - Jogging-Geschwindigkeit. Gleichwohl ist das blaue Band, das Schleswig-Holstein auf 98 Kilometern Länge durchzieht, so etwas wie eine nasse Autobahn: fast 32.000 Schiffe mit insgesamt 84 Millionen Tonnen Ladung passierten den Kanal allein 2010. Der Nord-Ostsee-Kanal, international heißt er schlicht “Kiel-Canal”, ist die meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Welt. Auch den Panama-Kanal verweist er auf Platz zwei. Denn für die Reeder ist es trotz saftig gestiegener Kanalgebühren immer noch günstiger, ihre Schiffe quer durchs Land fahren zu lassen, als die 750 Kilometer längere Route rund um die Nordspitze Dänemarks zu wählen.

Hin und wieder werden Tauchermeister Nimz und seine Brunsbütteler Kollegen nach Kiel beordert - etwa, wenn die dort aktive Tauchergruppe unter Personalmangel leidet. In der Schleuse in Kiel-Holtenau zu tauchen, hat für die schlick-gewöhnten Männer von der Nordsee fast ein bisschen was von Urlaub: “Es sind kaum Sedimente dort”, sagt Nimz. Die Sicht sei fast klar. “Kiel ist die Karibik des Kanals.” Vielleicht hat der Kaiser das damals auch gedacht.

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