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Privatsphäre im Internet

"Ich kenne Dich sehr genau!"

Schock für einen Angestellten: In einer Zeitschrift las er ein Porträt über sich selbst. Der Autor kannte ihn nicht, er hatte alle Informationen aus dem Internet.

Erschienen am 3. Februar 2009

"Herzlichen Glückwunsch, Jules", begann der Artikel. "Am 5. Dezember 2008 bist Du ja 29 Jahre alt geworden. Ich darf doch Du sagen, oder? Du kennst mich nicht, das ist richtig. Aber ich kenne Dich sehr gut." Und was dann folgte, war ein zwei Seiten langes Porträt über Jules (der Name war das einzige, was in diesem Artikel abgeändert wurde), einen kleinen Angestellten eines Architekturbüros im französischen Nantes.

Jules konnte alles über sich in dem kleinen Kulturmagazin "Le Tigre" lesen: Wo er wann mit wem gearbeitet hatte, wohin er mit wem in den Urlaub gefahren war, mit welchen Frauen er eine Beziehung hatte, die Adresse der Eltern seiner Freundin und sogar seine eigene Handynummer. Die Informationen waren alle zutreffend.

Er sei bleich geworden, als er den Artikel las, erzählte Jules später der Lokalzeitung "Presse Océan". Der Text habe ihm nächtelang den Schlaf geraubt.

"Sein Privatleben im Internet auszubreiten, ist gefährlich"

Jules war im Januar der erste Protagonist einer Serie von "Google-Porträts", die die Zeitschrift "Le Tigre" fortan veröffentlichen will. Verfasst werden Porträts von zufällig ausgewählten Unbekannten, gespeist ausschließlich aus Online-Quellen wir MySpace, Flickr, YouTube oder Facebook - mit Informationen also, die der Nutzer zumeist selbst ins Netz gestellt hat. "Sein Privatleben im Internet auszubreiten, ist gefährlich", sagte Raphael Meltz, Chefredakteur von "Le Tigre", der französischen Nachrichtenagentur AFP. Dies habe sein Blatt zeigen wollen.

In Frankreich verursachte der Artikel einen Ausbruch der Empörung, nachdem AFP darüber berichtet hatte. Rechtlich gegen das Magazin vorgehen konnte das Opfer Jules nicht: Alle Informationen sind frei verfügbar gewesen. Immerhin hat sich das Blatt bereit erklärt, die Online-Version des Artikels weiter zu anonymisieren. Gar zu private Daten fehlen nun in der Netz-Ausgabe. Gedruckt bleiben sie verfügbar.

Was sind Personen bezogene Daten?

Auch in Deutschland ist die schwindende Privatsphäre im Netz ein wachsendes Problem. Man registriere eine wachsende Anzahl solcher Fälle, hieß es dazu auf Nachfrage von shz.de aus dem Kieler Datenschutzzentrum. Betroffen sind häufig Minderjährige, deren Eltern unliebsame Daten aus dem Netz gelöscht wissen möchten. "Wir weisen dann zunächst darauf hin, dass sie das meistens selbst machen können." Sollte das nicht erfolgreich sein, schreiten die Kieler Datenschützer selbst ein. "Manche Fälle eskalieren dann", heißt es in Kiel. Grund sei meistens der Streit darüber, was Personen bezogene Daten seien und was nicht. Ein verwackeltes Bild, auf dem Personen nicht eindeutig zu identifizieren sind, kann da zum Streitfall werden - oder eine IP-Adresse, also die "Telefonnummer" des Rechners, mit dem der Nutzer im Netz surft.

In den USA gelten solche Daten nicht als Personen bezogen - wie überhaupt ein anderes Verständnis von Privatsphäre herrscht: Die Verarbeitung Personen bezogener Daten ist dort grundsätzlich erlaubt und wird nur in Einzelfällen eingeschränkt. In Deutschland ist es genau anders herum. In den USA sind so Websites wie "rottenneighbor.com", auf der sich Nachbarn gegenseitig anschwärzen, vollkommen legal. Website-Bereiber, die ihr amerikanisches Konzept so auf den europäischen Markt übertragen wollen, stoßen oft auf Schwierigkeiten.

Usern wie Jules nutzt das Wissen nichts. Jules hat alle persönlichen Informationen über sich aus dem Netz entfernt, soweit er konnte. Vieles lässt sich allerdings nicht einfach löschen. Schuld daran sind auf lange Zeit bei den Suchmaschinen zwischengespeicherte Kopien von Seiten und Internet-Archive. "Medienkompetenz ist heute bereits ebenso wichtig wie ein Schul- oder Berufsabschluss", schreibt dazu der deutsche Blogger Thomas Gigold. "Das Wissen, welche Daten im Internet man lieber nicht veröffentlichen sollte und was man dank Google und Co. über Menschen herausfinden kann, muss wesentlich deutlicher in die Köpfe der Nutzer."

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