Costa Rica
Im Land des Pura Vida
Action-Sport im Regenwald, reiche Tierwelt, brodelnde Vulkane – Costa Rica ist stets aktiv. Ein Reisebericht.
Erschienen am 30. Januar 2011
Da runter? Nicht einmal das Stahlseil kann verhindern, dass ihnen das Herz in die Hose rutscht. Aufgereiht wie Perlen auf einer Kette stehen sie da, die Teilnehmer der kleinen Reisegruppe. Und sie gucken respektvoll in den Abgrund unter sich. Sie sind gesichert mit Klettergurt und Helm, eingepickt mit stabilen Karabinerhaken am stählernen Geländer. Sie stehen 70 Meter über dem Boden des Regenwaldes, am Fuße des Vulkans Arenal im Norden Costa Ricas – und sie fragen sich, ob sie die Sicherheit der Plattform wirklich verlassen wollen.
"Canopy" heißt das Abenteuer, bei dem sich Wagemutige wie Tarzan durch den Urwald schwingen können: An Stahlseilen, die zwischen den Dutzende Meter hohen Bäumen gespannt sind, gleiten sie talwärts – an einer einzigen Rolle und einem Sicherheitsseil hängend und – je nach Gefälle der Strecke – ganz schön schnell. 400 Meter ist die letzte Etappe lang und wer sich traut, einhakt, die Füße von der Plattform nimmt und sich fallen lässt ins zunächst neblige Nichts, der wird nach wenigen Sekunden mit einem Ausblick über den dampfenden Regenwald belohnt, den es in seiner Unmittelbarkeit wohl kein zweites Mal geben kann. Tatsächlich, so muss sich Tarzan fühlen.
"Und? Pura Vida?" lacht José, als der letzte Teilnehmer der Reisegruppe voller Sinneseindrücke und Adrenalin wieder das saftig grüne Gras vor der Canopy-Basisstation unter den Füßen hat. "Pura Vida", hatte der 26-Jährige strahlend erklärt, als er die Touristen vor dem Aufstieg zu den Plattformen in die Klettergurte verschnürte, "Pura Vida sagen wir hier, wenn wir glücklich sind. Denn Costa Rica ist das pure Leben!"
Und so ganz unrecht hat er damit nicht. Costa Rica ist quicklebendig. Das kleine Land in Mittelamerika hat den nachhaltigen Tourismus entdeckt – sowohl als Einnahmequelle wie auch als Möglichkeit, den Schutz der Natur den traditionell wenig umweltbewussten Mittelamerikanern plausibel zu machen.
"Ecoglide", der Canopy-Anbieter am Fuße des Vulkans, ist nur eine der immer zahlreicher werdenden ökologisch ausgerichteten Attraktionen, die Touristen mit hautnahen Naturerlebnissen den Wert der Umwelt vor Augen führen. Ein anderes ist das "Ecocentro Danaus" in der Nähe des Örtchens La Fortuna. "Vor 13 Jahren standen hier nur drei Bäume inmitten von Farmland", erzählt Xinia Vargas. Die Biologin hat damals angefangen, in einer Baumschule die vom Aussterben bedrohten Baumarten Costa Ricas anzupflanzen und so zu erhalten. Heute ist auf dem ehemaligen Weideland dichter Regenwald entstanden und Kaimane, Reiher, Tucane, 25 verschiedene Amphibienarten und nicht zuletzt der seltene Rotaugenlaubfrosch fühlen sich hier wohl. "Die Tiere kommen von alleine", sagt Vargas. "Das hier ist eine Insel inmitten von Farmland."
Genauso wie Vargas zeigt auch der ehemalige Lehrer Don Juan auf seiner Finca Besuchern die Artenvielfalt seines Landes. Wer seinen Öko-Hof besucht, erfährt Wissenswertes über den biologischen Anbau von Pflanzen – vor allem aber weiß Don Juan seine Gäste mit all ihren Sinnen zu begeistern für die unüberschaubare Fülle der Früchte, Gewürze und Düfte des kleinen Landes zwischen Pazifik und Karibischer See. Wer hier einen frischen Sternfrucht-Saft, selbst gemachte Maniok-Chips und eigens gepressten Zuckerrohr-Saft probiert hat, weiß das.
Und dann ist Costa Rica noch in anderer Hinsicht lebendig: unter der Erde. Mit ein wenig Glück kommt in den Vulkangebieten auf seine Kosten, wer schon immer einmal glühende Lava und vulkanische Dampfschwaden sehen wollte. Allerdings aus sicherer Entfernung, versteht sich.
"Wir müssen nachhaltig sein!"
Costa Rica: Das kleine Land in Mittelamerika geht im Tourismus neue Wege.
Wer "all inclusive" will, wird woanders eher fündig: Costa Rica ist bisher vom Massentourismus weitgehend verschont geblieben. Die großen Bettenburgen im Land lassen sich an einer Hand abzählen. Geprägt ist das touristische Angebot von kleinen Hotels, Fincas aller Preisklassen und einfachen Unterkünften bei Einheimischen. Das ist so gewollt: Politik und Tourismusverbände in Costa Rica sind sich weitgehend einig, dass die Zukunft des Landes zu einem Großteil im nachhaltigen Tourismus liegt.
"Von den vier Millionen Costa Ricanern leben 1,5 Millionen direkt oder indirekt vom Tourismus", sagte Paul Valenciano. Er selbst arbeitet seit 20 Jahren in der Branche und hat vor vier Jahren mit der "Casa Luna Lodge" in La Fortuna ein Hotel erbaut, dessen negative Einflüsse auf die Umwelt so klein wie möglich sein sollen. Angefangen von den Dachschindeln der Häuser, die aus wiederverwertetem Kunststoff bestehen, über das Regenwasser, das Wasserspiele auf dem Gartengelände speist, bis hin zu den Öko-Waschmitteln, die in der Hauswäscherei eingesetzt werden, ist hier alles auf minimale Umweltbelastung eingestellt. Auf dem Hotelgelände tummeln sich mittlerweile Frösche, Leguane, Wasservögel – insgesamt mehr Arten als vor dem Bau des Hotel-Komplexes. 26 Mitarbeiter haben bei ihm eine Anstellung gefunden.
"Wir müssen nachhaltig sein!", findet Valenciano. Denn der klassische Tourismus, gesteuert durch internationale Konzerne, bringe neben Umweltzerstörung in den Zentren allenfalls nur schlecht bezahlte Jobs für die Bevölkerung.
"Das meiste Geld bleibt nicht im Land", sagt auch Katja Bärwolf. Sie lebt in Costa Rica und organisiert Touren und Aufenthalte für die Kunden des deutschen Reiseveranstalters "travel-to-nature", der sich auf nachhaltigen Tourismus spezialisiert hat. "Pro verdientem Dollar bleiben im Regelfall nur zehn Cent im Land. Hier in Costa Rica sind es 50 bis 60 Cent", erklärt sie. Damit wiederum lasse sich nachhaltige Entwicklung vor Ort fördern.
Bärwolf achtet bei den "travel-to-nature"-Touren auch darauf, dass die Gäste möglichst oft mit den Einheimischen in Kontakt kommen, sei es bei Grillfesten, dem Besuch einer Schule oder beim gemeinsamen Kakao-Rösten während einer Familientour. Denn das sei auch nachhaltig: "Es geht nicht immer nur um Naturschutz", sagte die Touristik-Expertin.